Tage im Juni - Schlägertypen (1) - GER by Kranich im Exil

Tage im Juni - Schlägertypen (1) - GER


TAGE IM JUNI

Schlägertypen

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Die Morgensonne begann sich langsam zu erheben. Ihre Strahlen tasteten sich zwischen den Häuserklüften entlang und wiesen den letzten Streunern ihren Weg heim. Licht zwang sich zwischen Giebeln und Erkern hindurch und drang nur mancherorts bis in die noch nachtgetränkten Backsteintäler vor. An einigen Stellen zierte es Wände mit schimmernden Gemälden. Wo es den kahlen Beton berührte, trieb die Wärme den Geruch von Tau und Moder aus dem Boden.

Er spürte jeden verirrten Sonnenstrahl auf dem Pelz. Es war wie die sanfte Berührung eines Geistes, der ihn lautlos begleitete, nach Straßenstaub, Quecke und Urin duftend. Juni.

Niklas ließ den Rucksack von der Schulter gleiten und warf ihn an den Rinnstein. Er zog die Kopfhörer herunter, legte sie um den Nacken und lauschte. Stille.

Der Parkplatz war noch leer, mit Ausnahme eines kleinen, rostroten Autos, das seit er sich erinnern kann am anderen Ende unter dem ältesten und krummsten Eichenbaum der Schule geparkt war. Es gehörte Herrn Schwarz, dem Braunbär mit grauem Fell. Niklas wusste nicht, ob er stets der erste und letzte Lehrer in der Schule war oder ob sein Wagen einfach Tag und Nacht dort stand. Es war immerhin lustig sich vorzustellen, wie der Zweihundertzwanzig-Zentimeter-Bär seinen Kopf auf die Brust drückte, die Schultern einklappte und sich versuchte, wie eine Bowlingkugel in einen Münzschlitz zu zwängen, wollte er in der Mittagspause zum nächsten Coffeeshop fahren. Wahrscheinlich mochte er deswegen keinen Kaffee.

Niklas inspizierte die Container in der Bucht zwischen Gerätelager und Turnhalle. Das vorstehende Dach warf einen Keil aus Schatten auf sie, der morgendlich kalte Luft aussandte. Er roch altes Brot, die süßliche Fäulnis des gestrigen Nachtisches und Taubenkot. Perfekt.

Der Junge drückte sich zwischen den Containern hindurch und angelte aus einer Nische in der Wand einen alten Kochtopf. Verbeult und einer der Griffe fehlte. Für einen Moment betrachtete er sein Spiegelbild, das ihn mit kleinen, schwarzen Augen aus dem Inneren entgegenblickte, umrahmt von einer weißen Gesichtszeichnung, buschigen Backen, winzigen Stummelöhrchen. Waschbär. Downgraded Grizzlybär. Wenn er groß ist, fragte er sich, ob er dann auch ein zu kleines Auto hätte.

Er legte den Topf zwischen die Container und kramte aus seinem Rucksack ein Stück Schnur und einen kleinen Stock hervor. Er tastete über das Holz. Gekerbtes Ende. Viel besser.

Akribisch wickelte er ein Ende der Schnur darum, drehte den Topf mit der Öffnung nach unten, kippte ihn an und balancierte behutsam die angehobene Seite auf dem aufgestellten Stock.

Er betrachtete die Konstruktion und lächelte. Vorsichtig tippte er sie an. Der Topf zitterte leicht. Aber hielt.

Fehlte nur noch die letzte Zutat. Aus der Tasche zog er eine Hand voll kleiner Kügelchen hervor, von denen eine zu Boden fiel und davon rollte. Er fing den Ausreißer ein und steckte ihn in den Mund. Er kaute darauf herum. »Coco Crunch. Wahnsinnig gut.«

Er legte zwei der Knusperkügelchen unter den gekippten Topf und zog sich hinter die Ecke des Gerätelagers zurück. Er hockte sich an die Wand, das andere Ende der Schnur in der Hand, und beobachtete seine Konstruktion zwischen den Containern. Jetzt musste er nur noch warten.

Die Sonne drängte sich weiter dem Himmel entgegen und blinzelte über die flachen Dächer jenseits des Parkplatzes. Die Schatten in den Nischen begannen zu schmelzen und eine Welle aus Wärme floss über den sich erhitzenden Asphalt.

Der junge Waschbär musste gähnen als er regungslos dasaß und wartete. Der Morgen kam täglich früher und so wurden seine Nächte kürzer.

Er wartete mehrere Minuten. Sie waren nirgends zu sehen. Aber hören konnte er sie hinter den Wänden, in den Ritzen. Kratzen und Schaben winziger Pfötchen. Heimlich aber munter.

  Ihr mögt kein Licht, dachte er, aber ihr mögt Coco Crunch. Gleich zwei Dinge, die er mit ihnen gemeinsam hatte.

Er lauschte den Geräuschen, die von den Containern zu ihm drangen. Gelegentlich verirrten sich einige Knusperkugeln in seinen Mund. Gedankenversunken kaute er auf ihnen herum. Er hörte dem Morgenwind zu, der um die Hausecke züngelte und spürte auf seinen Knöcheln Staub, den er davonscheuchte. In der Ferne kratzten Reifen auf Asphalt. Manchmal erhoben sich leise Stimmen zu undeutlichen Begrüßungen. Einflug der anderen Lehrer.

Die Minuten wurden länger und der Waschbär konnte beobachten, wie sich die Schatten langsam unter die Container zurückzogen wie müde, ängstliche Tiere. Sie schienen aus den Fugen und Ritzen in den herangebrochenen Tag zu spähen; die Stille der Nacht mit sich gebettet, vom lauter werdenden Tag abgewandt.

Im Schatten unter den Containern schien sich ein Teil der Dunkelheit zu bewegen. Es wanderte auf und ab, verschmolz wieder mit dem Nichts, um dann an anderer Stelle erneut daraus aufzutauchen. Der kleine, schüchterne Fleck Dunkelheit näherte sich der Vorderkante des Containers und enthüllte zwei winzige schwarze Augen, die kurz im Morgenlicht glitzerten, bevor sie sich rasch wieder in den schützenden Schatten zurückzogen. Ein kleines, spitzes Näschen zitterte und schien fasziniert von den süßen Neuigkeiten im Revier.

Irgendwo schlug eine Autotür. Das kleine Etwas verschwand rasch wieder hinter dem Container. Niklas atmete enttäuscht aus. Überall Lärm. Niemand hat Ruhe.

  »Eine Müllkippe voller dummer Viecher«, erinnerte er sich an Ariks Worte, »Alles blökt und schreit, furzt und kotzt. Anthros sind blöde Tiere. Ne, weniger. Können nicht mal jagen, nur fressen. Und glotzen und grinsen.«

In der Ferne war das Lachen der ersten eintrudelnden Schüler zu hören. Das Surren von Smartphones.

Niklas steckte die letzte Knusperkugel in den Mund. Er war so gut vorbereitet gewesen. War früh dran gewesen. Mist. Keine Jagd für ihn. Enttäuschung.

Er stand auf. Und stoppte. Die zwei kleinen Augen waren wieder da. Zitterndes Näschen. In die Sonne gereckt. Halb aufrichtet, halb geduckt drückte sich Niklas gegen die Wand und starrte angespannt auf den neugierigen Besucher. Dieser fuhr sich mit den winzigen Pfötchen über das Gesicht — Schön sauber sein für den neuen Tag — und huschte vom Schatten des Containers in den Schatten des Topfes. Der Winzling stoppte kurz davor. Das Näschen wippend.

  Warten, befahl sich Niklas, in der unbequemen Position verharrend wie eine expressionistische Statue, Geduld. Bis es — »Süßigkeiten«, schien sich der Winzling zu sagen und schoss unter den Topf, die knusprigen Kügelchen eifrig mit Pfötchen und Näschen betastend.

Ein präziser, schneller Zug an der Schnur und der Stock flog weg; der Topf kippte zu Boden. Der Winzling zuckte verblüfft mit dem Näschen, sich die Knusperkugel gerade ins Schnäuzchen schiebend, da wurde es dunkel um ihn.

Niklas sprang auf. Warf die Hände in die Höhe, lief um den Topf herum, stolperte fast über seine eigenen Füße. Egal. Sieben Tage. Unzählige Versuche. Nun hatte er es geschafft. Er hatte gejagt! Beute gemacht. Maus im Topf.

Arik würde die Augen aufmachen vor Verwunderung. Der Waschbär hockte sich neben seine Meisterfalle. Und jetzt? Er hatte vergessen vorauszuplanen, wie er den Nager hervor bekommen sollte, ohne dass dieser sofort das Weite suchte.

Er legte sein Ohr gegen das Blech. Darunter war keine Bewegung zu hören. Die Maus schien in Schockstarre verfallen. Aber ihr kleines Herz konnte er schlagen hören. Hoch und schnell als würde jemand mit winzig kleinen Fingern auf Holz trommeln. Sie schien genauso angespannt zu warten wie er.

Der Junge kramte eine geleerte Frischhaltedose aus dem Rucksack. Was für Fleischklößchen gut war musste auch für Mäuse passen. Er zog den Deckel halb von der Dose und hielt sie dicht an das Blech. Ganz langsam und vorsichtig hob er eine Seite des Topfes an. Sein Kopf näherte sich dabei immer weiter dem Boden, als wollte er zur Maus hineinkriechen.

Aber aus der Öffnung kam kein Nager. Er klopfte mit den Fingern gegen die Rückseite. Nichts tat sich. Komm schon, flüsterte er zu sich, ich kann dich hören.

Die Maus schien ihr blechernes Gefängnis nicht verlassen zu wollen. Er drückte die Wange an den Boden und spähte durch den Spalt hinein. Dort blickten ihm ihrerseits zwei winzige Augen entgegen. Das Näschen zitterte und die Pfötchen waren damit beschäftigt, eine Knusperkugel ins Maul zu schieben. Genüsslich daran knabbernd beobachtete die Maus Niklas und schien darauf zu warten, was als nächstes passieren würde. Beide starrten sich für einen Augenblick an. Angespanntes Knuspern.

  »Mein Zimmer ist schön dunkel«, flüsterte Niklas und überlegte wie lange er die Maus mit einer Packung Coco Crunch füttern könnte. Er zog den Topf vorsichtig näher an die Öffnung der Dose. »Und still. Bis auf Jann und Joas. Aber die sind nie da oder schlafen.«

Ein schrilles Läuten ertönte. Er fuhr zusammen. Fast hätte er Topf und Dose vor Schreck weggestoßen. Die Schulglocke. So spät?

Die Maus schien ebenso erschrocken, ergriff aber ihre Chance, ließ ihr Näschen zucken, stopfte eine der Kugeln in die Backen und huschte mit flinken Pfötchen an Niklas vorbei. Blitzschnell verschwand sie unter dem Container. Vom Schatten geschluckt, als wäre sie nie da gewesen.

Niklas starrte wortlos auf den Topf in einer Hand und die Dose in der anderen. Beide ohne Maus.

Grimmig blies er Luft durch die Nase und suchte nach einem Wort zum Fluchen. Es kam jedoch nur ein wütendes Grollen aus seiner Kehle. Er schüttelte sich.

  »Keine bösen Wörter.«

Eilig sprang er auf und zog seinen Rucksack vom Boden. Seine Fallenbau-Materialien hektisch hineinquetschend sprintete über den Parkplatz, stolperte fast über seine Füße.

Er hastete den bereits leeren Schulhof entlang, die Treppe hinauf, den Flur hinab. Er musste bis zur anderen Seite des Schulgebäudes. Bevor Frau Gruber alle Schüler aufgerufen hatte. Keine bösen Wörter.





© 2017, Kranich im Exil

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Tage im Juni - Schlägertypen (1) - GER

Kranich im Exil

3 October 2017 at 05:52:13 MDT

The raccoon Niklas wants nothing more than to be accepted.
The lynx Jannik is longing for a friend.
The poodle Caspar would love to see the world burn.
And the lion Ayo is looking for good hair spray.

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Literary / Story