Tage im Juni - SCHLÄGERTYPEN (4) - Ger by Kranich im Exil

Tage im Juni - SCHLÄGERTYPEN (4) - Ger


TAGE IM JUNI

Schlägertypen

- 4 -


  »Ich bin kein Verlierer!«, versuchte er seinen Mut zu beschwören, schluckte und zielte auf Niklas Gesicht. Diesmal schien er sicherstellen zu wollen, dass es weh tat.

Plötzlich stoppte Chucks. Sein Kopf drehte sich hastig nach rechts. Sein Blick flog über Niklas Schulter hinweg.

Reflexartig folgte der Waschbär ihm und entdeckte, was Chucks so unerwartet fixierte.

Einige Personen kamen den Weg entlang. Die beiden waren so beschäftigt gewesen, dass sie sie nicht früher bemerkt hatten.

Chucks machte einen Satz zurück und massierte seine Pfoten, die eben noch zu Fäusten geballt waren. In dieser Situation von jemandem gesehen zu werden war ihm sichtlich peinlich.

Warum wurde alles immer unangenehmer?

Vier Personen näherten sich. Sie schienen nicht dem Waldweg zu folgen. Stattdessen kamen sie direkt auf die beiden Jungen zu.

Niklas kniff die Augen zusammen und musterte die Gestalten aus der Ferne. Hoch gewachsen, dürr, mit langen Armen und farblosem, rauchgrauen Fell, das im Schatten der Bäume mit ihren dunklen Klamotten zu einer strukturlosen Masse verschmolz. Kapuzen über den Köpfen. Tief ins Gesicht gezogen.

Dann spürte er eine Welle der Anspannung. Seine Rückenhaare stellten sich auf, denn sie kamen ihm beunruhigend bekannt vor.

  Bitte nicht! Bitte geht woanders lang!, flehte er, als könnte er sie mit seinen Gedanken beschwören und dazu bewegen umzudrehen.

Seine Gedankenkräfte schienen jedoch nicht zu wirken, denn die Gestalten hielten direkt auf die beiden zu und ein paar Herzschläge später standen sie vor ihnen.

  »Was wird denn gespielt?«, fragte die Vorderste. Die anderen drei standen direkt hinter ihr.

Chucks zupfte nervös sein Shirt zurecht. Er atmete laut ein, schien aber keine Antwort über die Lippen zu bringen.

Die Gestalt drehte ihren Kopf zu Niklas, der ebenso wortlos dastand. Ihr Gesicht war im Schatten der Kapuze nicht zu sehen. Im schwarzen Nichts blitzten nur zwei ebenso dunkle Augen auf. Aus den Klamotten quoll der säuerliche Geruch von Zigarettenqualm hervor.

Die Gestalt streifte die Kapuze zurück. Unter noch mehr Qualmgeruch kam ein Gesicht mit spitzer Nase und Ohren zum Vorschein. Es war ebenso grau in grau wie der Rest des Körpers. Kurzes, schwarzes und klebrig wirkendes Fell umrahmte die Augen und erweckte den Eindruck, als wären die Pupillen zwei dunkle Kiesel, die in einer Teerpfütze schwammen. Eine kaum sichtbare Fellmaske zeichnete das Gesicht.

Cousin Arik.

Der große Waschbär legte Niklas seine Hand auf die Schulter.

  »Wie heißt dein Freund?«, fragte er und lies seine Kieselaugen zu Chucks wandern.

Chucks hatte seinen Rucksack vom Boden aufgesammelt und hielt ihn vor der Brust umklammert. Einer der anderen Waschbären hatte sich neben ihn gestellt. Auch sein Gesicht war von einer Kapuze verdeckt, aber Niklas erkannte an der hervorschauenden Maulspitze mit den zwei Piercings an der Lippe, dass es Joas war.

Der junge Waschbär wollte nicht antworten. Er sah zu Arik auf und wich stattdessen mit einem Kommentar aus: »Ich hab dich lange nicht an der Schule gesehen.«

Arik legte den Kopf nach hinten und lachte. Ihm fehlte ein Eckzahn, sodass ein schwarzes Loch in seiner Zahnreihe klaffte. Er fuhr mit seiner Hand über Niklas' Kopfhaar und rieb es auf. Es tat weh.

  »Zu viel Schule macht dumm«, antwortete er. »Aber es ist gut, wenn du was mit Freunden machst. Alleinsein ist nicht gut für dich.«

Arik sah Chucks an, noch immer auf eine Antwort wartend. Die Augen des Tigers wichen reflexartig aus.

Niklas kannte Ariks bohrenden Blick gut. Es war unangenehm, zu lange in seine Kieselaugen zu sehen.

  »Verrate mir, warum du meinen Cousin schlägst«, forderte Arik dann.

Chucks' Ohren senkten sich und seine Nase zitterte nervös. Er stammelte. Sein Schwanz hatte sich beklommen um sein Bein gewickelt, wie eine Schlange. Eine scheinbare Ewigkeit suchte er nach Worten, die er nicht aussprechen wollte, schluckte, schnaufte und schien sich zu wünschen, dass ein Meteorit aus dem Himmel fallen und die Waschbären begraben würde oder sich ein Loch im Boden auftäte und sie verschluckte. Irgendetwas, damit sie einfach nur verschwanden.

Niklas atmete angespannt ein. Es war qualvoll dem Tiger zuzusehen. »Es war ein Unfall«, brach der junge Waschbär heraus.

Ariks Augen wanderten zurück zu ihm.

  »Ich hab ihn aus Versehen umgestoßen und er hat Dreck abbekommen«, fügte er hinzu.

Chucks pflichtete ihm wortlos nickend bei.

Arik hob den Kopf. Seine Ohren stellten sich auf. Ihr dunkles Fell zitterte im leichten Wind. »Ah, verstehe«, entgegnete er und sah zurück zu Chucks. »Um quasi quitt zu sein, habt ihr euch getroffen und abgemacht, dass du Niklas dafür schubsen darfst. Gutes altes Auge um Auge.« Er sah zu den anderen Waschbären und lachte. »Und man lernt doch was in der Schule. Mein Lieblingsfach war die Pause.«

Er klopfte sich mit der Pfote auf die Brust. Schwarzes Shirt, weiße Schrift. »Ashes of This Planet«. »Im Unterricht konnten sich die ganzen Wichser und Pisser hinter ihren Tischen und den Lehrern verstecken. Auf dem Schulhof nicht. Da haben sie bekommen, was sie verdienten. Da haben sie gelernt, was Konsequenzen sind. Blut spuken kuriert so manches Arschloch.«

Niklas wollte einfach nur, dass Arik und die anderen endlich verschwanden. Die ganzen Augen waren ihm zuviel. Ebenso der Zigarettengestank.

  »Also, seid ihr jetzt quitt?«, wollte Arik wissen.

Chucks schluckte. Und nickte dann verunsichert.

  »Mein Cousin hat dich umgestoßen. Du bist dreckig geworden«, fasste Arik zusammen und blickte zu Chucks, »und du schlägst ihn im Gegenzug. Richtig?«, fragte er und lächelte. Leckte sich über die Zahnlücke.

Wieder nickte Chucks zögerlich.

Arik lockerte seine Schultern. »Dann ist ja alles geklärt.« Er sah kurz zu Joas hinüber, der direkt neben Chucks stand und eine Pfote auf seine Schulter legte.

Der Tiger zuckte überrascht zusammen, konnte aber nicht rechtzeitig begreifen, was diese Geste zu bedeuten hatte, denn aus dem Nichts ließ Ariks seine Krallen über Chucks' Gesicht schnellen. Es geschah so plötzlich, dass der Tiger nicht einmal einen überraschten Schrei ausstoßen konnte. Er kniff die Augen zusammen, drückte die Pfoten vor das Gesicht und beugte sich keuchend vornüber.

Sein hastiges Atmen verwandelte sich schnell in ein Wimmern. Einige Tränen zwangen sich durch seine Finger und tropften zu Boden. Das Fell seiner Pfoten färbte sich rot.




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Tage im Juni - SCHLÄGERTYPEN (4) - Ger

Kranich im Exil

9 November 2017 at 14:00:06 MST

The raccoon Niklas wants nothing more than to be accepted.
The lynx Jannik is longing for a friend.
The poodle Caspar would love to see the world burn.
And the lion Ayo is looking for good hair spray.

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Literary / Story